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Buchtipp von:
Jens Bartsch
Jens Bartsch


Buchtipp Goltsteinstrasse - Würger - Stella

Buchtipp von: Jens Bartsch
Buchtipp Goltsteinstrasse - Würger - Stella

Stella

von: Takis Würger

Für diese Besprechung eines aktuell sehr umstrittenen Romans muss ich ein klein wenig weiter ausholen: Der Journalist Takis Würger hat 2017 einen im Universitätsmilieu Cambridges angesiedelten Roman veröffentlicht, der zu einem recht beachtlichen Publikumserfolg wurde: Eine gut und flüssig geschriebene Unterhaltungsgeschichte  - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für seinen neuen Roman wechselte er vom großartigen Zürcher Kein + Aber Verlag zum deutschen Carl Hanser Verlag. Der ist ebenfalls großartig, steht in unserem Land wiederrum aber noch mehr im Fokus für Literatur im Sinne von literarischen Büchern. Eventuell liegt hier der Beginn eines großen Missverständnisses...

In seinem neuen Buch „Stella” widmet sich Takis Würger einem Thema, welches kaum zu beschreiben ist, welches aber dennoch schon oft beschrieben wurde, nämlich dem Holocaust, dem unbegreiflichen und unfassbaren Verbrechen schlechthin. Eine Hauptfigur ist die jüdische Kollaborateurin Stella Goldschlag, die als Spürhund der Gestapo fungierte, um untergetauchte Juden aufzufinden und damit dem sicheren Tod auszuliefern. Dazu muss ich unbedingt erwähnen, dass es Stella Goldschlag (später durch Heirat Stella Kübler) tatsächlich gegeben hat - sie ist eine reale Figur, deren Geschichte Takis Würger in eine fiktive Geschichte einbettet und aus der Sichtweise eines erfundenen jungen Mannes erzählt. 

Ob FAZ, FAS, SZ, die ZEIT oder die TAZ - das deutsche Hochfeuilleton reagiert ablehnend bis extrem empört auf dieses Buch - dies teils auch mit guten Argumenten. An manchen Stellen hat man allerdings das Gefühl, dass weniger der Autor und sein Roman, aber dafür eher der Hanser Verlag und sein junger Verleger Jo Lendle im Fokus stehen - oder der Story geschuldet mal wieder eine neue Sau durchs Dorf der Empörung getrieben werden muss. Insbesondere die Art und Weise einiger Verrisse hinterlassen bei mir einen üblen Nachgeschmack, weil ich fürchte, dass hier von einigen Kritikern gelegentlich auf zwei Ebenen gespielt wird (s.o.), was sich dem Zeitungsleser leider nicht sofort erschließt. Der Tonfall einiger Kritiken enthält zumindest einen verbalen Vernichtungswillen, der mich erschreckt und mir sehr zu denken darüber gibt, wie wir dieser Tage eigentlich überhaupt miteinander reden...

Wie immer ist vieles eine Sache der Perspektive, denn exakt Teile des gleichen Feuilletons feierten dieser Tage das Jubiläum der amerikanischen TV-Serie „Holocaust” als willkommenen und erfolgreichen Versuch, das Unbegreifbare mit populären Mitteln für viele Menschen erst sichtbar gemacht zu haben. Dies geschah 1978 mit den Mitteln Hollywoods und war damals ebenfalls sehr umstritten - schon irgendwie seltsam.

Nichts anderes aber ist Takis Würgers Roman: Er ist der Versuch, Geschichte in gut lesbare Worte und Handlung zu fassen, nicht begreifbare Teile unserer Geschichte greifbar zu machen und davon zu berichten. Dies tut das Buch in einem zugegeben gelegentlich etwas plakativen Stil, die Figuren bleiben bei aller Erzähltechnik, einer Kombination aus Erzählung und realen Prozessakten, ein wenig schablonenhaft. Der Autor ist kein zweiter Thomas Mann, aber er kann gut, flüssig und leicht lesbar schreiben - man bemerkt angenehm den Journalist und dessen geübte Hand.

Unabhängig der literarischen Ambitionen des Autors stellt sich mir die Frage: Was ist eigentlich dagegen einzuwenden, von einer solch unfasslichen Geschichte „einfach” zu erzählen? In den Zeiten des um sich greifenden Populismus erreicht man alle Teile der Gesellschaft eventuell über einen vereinfachenden, die Seele bewegenden und aufrüttelnden Roman besser, als dies das Hochfeuilleton in der Gesamtheit seiner bedauerlicherweise schwindenden Leser noch zu können vermag.

Quintessenz: Takis Würgers Roman ist trotz aller Vorbehalte ein gutes und sehr wichtiges Buch!!!    

 

Carl Hanser Verlag   22.00 €