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Jens Bartsch
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Buchtipp Goltsteinstraße Köln - Pschera - Vergessene Gesten

Buchtipp von: Jens Bartsch
Buchtipp Goltsteinstraße Köln - Pschera - Vergessene Gesten

Vergessene Gesten

von: Alexander Pschera

Ein Zitat statt einer ersten Kurzbeschreibung: „Erst konnte man Schillers Glocke auswendig, dann konnte man die Strophen von Blowin´ in the Wind singen, heute braucht man für Atemlos durch die Nacht einen Karaokemonitor...”

Nun ja, die Strophen von Blowin´in the Wind sind mir wegen eines anderen Musikgeschmacks zwar nicht komplett geläufig, andere Dinge dafür aber schon.   

Was einige insbesondere etwas ältere Menschen (mit 50+ und viel eigener Mäkelei zähle ich mich dazu) bei skeptischen Äußerungen angesichts heutiger Umgangsformen recht schnell ereilt, dies ist der Vorwurf, ein Kulturpessimist zu sein. Ja „Kruzifix und verdixt nochmal”, selbstverständlich ist man gelegentlich ein solcher, wenn man mit dem regellosen Gebaren mancher Mitmenschen konfroniert ist - was denken manche Leute eigentlich? Etwa auch noch, dass der „Kulturpessimist” als Vorwurf tatsächlich und ernsthaft etwas tauge? Mitnichten ist dem so! 

In gefühlt grauer Vorzeit gab es mal einen Kanon an Regeln und Gesten, der dazu diente, eine Gesellschaft zusammenzuhalten - sozusagen ein Mindestmaß an Übereinkunft, um trotz gegenteiliger Ansichten gepflegt miteinander umgehen zu können. Von diesen Gesten sind leider viele aufgekündigt oder schlicht vergessen worden, was unser aller Zusammenleben nicht unbedingt einfacher macht.

Ein sehr unterhaltsam zu lesendes Büchlein zum Thema der vergessenen Gesten und Gebräuche anhand von 125 Beispielen hat Alexander Pschera geschrieben. Einige derer sind eventuell zu Recht aus der Mode geraten, an andere erinnert man sich angesichts so mancher Zumutungen der aktuellen Welt sehr wehmütig. Wehmütig werde ich selbst zum Beispiel ab Seite 110 des Buches im Beitrag „Schuhe anlassen”. Die Nötigung so mancher moderner Haushalte, beim Besuch die Schuhe ausziehen zu sollen, kann ich persönlich recht arrogant überhören, ignorieren oder überspielen. Aber dennoch ist alleine das pure  Ansinnen eine solch gruselige Erfahrung und Form der aufgezwungenen Selbstentblößung, die sich mir elefantengleich ins Gedächtnis brennt und mich Besuche in solchen Haushalten niemals wiederholen lässt.

In welch klare und amüsante, aber nie lamoryante Worte Pschera dies und viele andere Beispiele zu gießen weiß, dies ist wiederrum ein ganz großes Lesevergnügen. Viele Gedanken dieses Buches bestätigen einen darin, einfach etwas öfter sehr laut „Kruzifix und verdixt nochmal” auszurufen und sich gegen diverse Zumutungen einer neuen Zeit aufzulehnen - das ist ja mal ein Anfang für die stilistische Konterrevolution. 

Als Abschluss noch eine Beobachtung von hier: Der Satz „Das tut man nicht" ist eine extrem eindeutige Ansage, die leider komplett nicht mehr en vogue ist. Stattdessen reden (hier immer wieder beobachtbar) junge Mütter und Väter mit ihren Kleinkindern sehr häufig in Fragesätzen: „Sollen wir jetzt rausgehen?”, „Willst du das Buch jetzt auf Seite legen?” und „Willst du jetzt mitkommen?”. Das ist völlig absurd - was soll das Kind angesichts der Frage wohl anderes ausdrücken, als seinen eigenen Willen? Dessen NEIN ist ehrlich, das Hin- und Hergeschwurbel der Eltern ist es leider nicht. Solches ist schlicht und einfach nur kreuzdämlich und die weitere Entwicklung des so betätschelten Nachwuchses mit großem Schauder leider sehr absehbar... 

Herr, lass Hirn vom rieseln - nicht zu knapp! Und dies gerne immer wieder in Form solch schöner und absolut zeitgemäßer Bücher mit Niveau, die sprachlich so wunderbar an ganz wichtige Dinge des Alltags erinnern. Der Herr Bartsch ist begeistert...

 

Verlag „Das vergessene Buch”   18.00 €